
Die Amazonen litten lange unter dem Chauvinismus der männlichen Vertreter verschiedenster Rassen. Nichts scheint kampfeslustigen Männern mehr zu widerstreben als kampfeslustige Frauen – vor allem dann, wenn diese ihnen den Schneid abkaufen können. Aus diesem Grund haben die Amazonen eine äußerst ablehnende Grundhaltung gegenüber jedem eingenommen, der ihre Lebensweise bedroht.
Und so ist es für die meisten anderen Rassen nicht verwunderlich, dass ihnen die Amazonen mit großem Argwohn begegnen. Die Tradition weiblicher Krieger wird in den meisten Ländern eher unter idealisiert ästhetischen Gesichtspunkten betrachtet und weniger als reale Tatsache angesehen. Allerdings gibt es viele Krieger, die besser beraten gewesen wären, die letztgenannte Ansicht zu vertreten, da sie die todbringenden Taktiken und Kampffähigkeiten der Amazonen am eigenen Leibe zu spüren bekamen.
Zu den wenigen Rassen, die diese Kriegerinnen per Handelsabkommen tolerieren, gehören die Elfen aus dem Wald des Alten Herzens sowie die Zwerge aus den Hulestiathah-Bergen. Für gewöhnlich sind die Elfen aufgeschlossener als andere Rassen, wohingegen die Zwerge nur am Rohstoffhandel interessiert sind (zumal Menschenfrauen für ihren Geschmack sowieso etwas zu groß geraten sind).
Amazonien

Vor vielen Jahrhunderten besiedelten die Amazonen das Gebiet, dem sie ihren Namen zu verdanken haben, um der Verfolgung durch die Ritter zu entgehen. Diese vertraten die Ansicht, dass Frauen auf dem Schlachtfeld nichts zu suchen hätten. Allerdings war Amazonien nicht nur weit weg, sondern auch von drei feindseligen und nicht minder gefährlichen Rassen umgeben.
Immer wieder mussten sich die Amazonen gegen die Streitkräfte der Untoten, Orks und Goblins behaupten, wodurch sie aus der Not heraus zu beispiellosen Kämpferinnen wurden. Das Leben einer Amazonenkriegerin ist alles andere als idyllisch und erinnert nicht im Geringsten an einen friedfertigen Schwesternorden, sondern ist geprägt von einem Alltag mit Schweiß und Blut – denn Schwäche bedeutet den sicheren Tod. Nur die Stärksten können einen Führungsanspruch erheben und genießen den nötigen Respekt.
Ebenfalls aus der Not heraus haben sich die Amazonen in einem nomadischen Stammessystem organisiert. Durch den ständig wechselnden Aufenthaltsort sind die umherziehenden Stämme weniger anfällig für Angriffe der Grünhäute und Untoten.
Die meisten Amazonen verehren die Göttin Railia, die den weiblichen Aspekt von Tapferkeit, Stärke und Heldenmut auf dem Schlachtfeld verkörpert. Der größte Tempel befindet sich in Shaytria, allerdings führen alle Stämme auch transportierbare Schreine mit sich und haben mindestens eine Priesterin in ihren Reihen.

Shaytria
Man könnte Shaytria als die Hauptstadt Amazoniens bezeichnen. Eher trifft jedoch die Beschreibung „Knotenpunkt“ zu, da es sich um eine zentral gelegene Stadt handelt, in der die nomadischen Stämme der Amazonen immer wieder Halt machen, um ihre Vorräte aufzustocken, Handel zu treiben, im Gebet zu versinken oder Opfer darzubringen. Shaytria ist für die Amazonen auch der Ort, um sich fortzupflanzen.
Der Sklavenmarkt von Shaytria ist selbst außerhalb Amazoniens legendär. Viele anzügliche Geschichten handeln von diesem Ort, aber die Wahrheit ist weitaus grausamer. Bei dem Sklavenmarkt handelt es sich nicht um die kreativen Fantasien eines Schuljungen, sondern um einen realen, brutalen Fleischhandel zum Kauf und Verkauf von Kriegsgefangenen und männlichem Nachwuchs. Bei brutalen, blutigen Sportveranstaltungen verlieren viele von ihnen ihr Leben, und nur den gefügigsten Sklaven bringen die Amazonen etwas entgegen, das zumindest im entferntesten Sinne an Barmherzigkeit erinnert.
Shaytria ist außerdem die Stadt, in der Amazonenkönigin Kiantha ihren Kriegsrat abhält. Mit dem Rat der Mondschwestern berät sie sich über die regelmäßigen Vorstöße in umliegende feindliche Gebiete. Gegenwärtig ist das Land der Amazonen in einer starken Position, aber die Zeit wird zeigen, wie lange noch.
„Was ist das?“, fragte Shaya, als die drei Jägerinnen der Amazonen den mit Büschen überwachsenen Hügel direkt über ihnen erblickten. Irgendetwas war dort oben, murmelte vor sich hin und schaute an die Stelle, wo sie standen und gerade erst einen Hirsch erlegt hatten. Ein kurzes Aufblitzen hatte die unbekannte Kreatur verraten, als das Sonnenlicht von einer Art Fernglas reflektiert worden war. Der trockene Wind blies durch Shayas blutrotes Haar, als sie langsam einen Pfeil aus ihrem Köcher zog. „Ich glaube, ich kann es von hier aus treffen.“ „Scheint... männlich zu sein“, entgegnete Danara sichtlich angewidert. Die Anführerin warf ihre rabenschwarze Mähne zur Seite und lauschte dem Gekicher der Kreatur. „Es hält sich wohl für besonders schlau, oder?“, flüsterte Hayath mit sarkastischem Unterton und stützte sich auf ihren Speer. „Davon kannst du ausgehen“, erwiderte Danara. „Wie ich bereits gesagt habe: Es ist bestimmt männlich.“ „Ich würde es sicher erwischen“, sagte Shaya zuversichtlich, spannte ihren Bogen und visierte das Ziel an. „Nein.“ Danara legte ihre Hand auf Shayas Arm. „Geh da rauf und sieh dich um. Wir müssen sichergehen, dass nicht noch mehr von denen dort oben sind. Währenddessen werden wir diesen Mistkerl ablenken.“ Sie nickte Hayath zu und die beiden lehnten sich weit vorgebeugt über den erlegten Hirsch, sodass ihr Beobachter voll auf seine Kosten kam. Shaya machte sich unterdessen auf den Weg nach oben und vernahm schon bald das freudige Frohlocken des Eindringlings auf dem Hügel. Je weiter sie den Hügel hinauf schlich, desto intensiver nahm sie den ihr so bekannten Gestank von ungewaschener... Grünhaut wahr. Als sie schließlich das Geäst beiseite schob, kam ein einzelner Goblin zum Vorschein, der durch ein gekrümmtes Fernglas sah. „Sieh mal einer an, was haben wir denn da?“, murmelte er vor sich hin. „Aber die Rothaarige... wo ist die hin?“ Shaya zielte auf den Goblin und schoss den Pfeil ab. Er bohrte sich in das Schulterteil seiner Lederrüstung – nur knapp am Fleisch vorbei – und spießte den Goblin an einem Baum in der Nähe auf. „Was zum Teufel geht hier vor sich?!“, schrie die Grünhaut. Als sich Shaya schließlich auf der Lichtung zeigte, war von dem Goblin nur ein gestammeltes „Oh-oh...“ zu vernehmen. „Ich hätte dich töten können, männliches Ding“, erwiderte sie herablassend. Danara und Hayath kletterten ebenfalls auf den Hügel. „Es ist ein Goblin“, sagte Danara gelangweilt. „Schon wieder?“, antwortete Hayath. „Das ist schon der Fünfte in diesem Monat!“ „Goblin-Anführer Rax hat seine Leute einfach nicht im Griff“, erwiderte Danara seufzend. „Also, was sollen wir mit diesem Goblin machen?“ „Mich gehen lassen?“, antwortete der Goblin unaufgefordert mit einem verlegenen Lächeln. „Häuten wir ihn“, schlug Shaya vor. „Hey! Das ist nicht...“ „Und vorher sollten wir ihn kastrieren“, fügte Danara hinzu. „Aber... ich mache doch nur meine Arbeit!“, rief der Goblin entsetzt und hielt seine Hände schützend vor seine Hose. „Kastrieren, häuten und dann irgendwo in die Rote Wüste werfen. Sollen die Untoten doch ihren Spaß mit ihm haben“, sagte Hayath. „Aber... aber... ihr tut mir Unrecht!“, schrie der Goblin. Sein ganzer Körper wackelte, als er versuchte, den Pfeil loszuwerden und sich damit von seiner misslichen Lage am Baum zu befreien. Danara trat einen Schritt nach vorne und hielt ihr Schwert an die Kehle der Grünhaut. „Also gut, überbringe deinem Anführer Rax eine Nachricht!“ Sie griff in einen Beutel, nahm zwei Walnüsse heraus und legte sie dem Goblin in die Hände, die er immer noch schützend vor seine Hose hielt. „Pass auf, dass du sie nicht verlierst“, riet sie ihm mit einem breiten Grinsen. „Sie gehören jetzt dir. Geh zurück zu deinem Anführer und erzähle ihm, was passiert ist. Vergiss danach nicht, ihm deine Nüsse zu geben.“ Daraufhin brachen die drei Kriegerinnen in gellendes Gelächter aus. Der Goblin zog eine Augenbraue hoch und sagte: „Das kapier’ ich nicht.“ „Ach, keine Sorge, Rax wird es verstehen, da bin ich mir ziemlich sicher. Und gib Acht auf deine richtigen Nüsse!“