Die Ritter

Schon immer haben sich die Menschen in zwei Bereichen hervorgetan: dem Lügen und dem Töten. Kommen beide Aspekte unter den richtigen Bedingungen zum Tragen, sind alle Voraussetzungen erfüllt, um ein Reich zu erschaffen. Die Ritter bilden die kriegerische Gesellschaftsschicht im Imperium der Stählernen Rose und führen Eroberungsfeldzüge im Namen ihrer Gottheit und ihres Imperators. Wo auch immer sie die Erde mit Blut tränken, folgen kurz darauf Bürger des Imperiums, um das Gebiet zu besiedeln. Diese rasche territoriale Expansion gehört zu den Stärken des Imperiums.
Die ebenso elitären wie todbringenden Ritter schworen Imperator Wilhelm Schade von der Stählernen Rose ihre Treue und sehen ihn als rechtmäßigen Alleinherrscher über die Welt an. Schade ist der letzte in einer Reihe von leidlich erfolgreichen Herrschern, die dem Anschein nach über ein Imperium gebieten, das immer weiter wächst. Sein Beiname „von der Stählernen Rose“ entstammt der kreativen Feder seiner Berater, die der Meinung waren, der Name ihres Herrschers brauche etwas „Starkes und dennoch Feinsinniges“ als Botschaft mit Signalwirkung für die anderen Rassen.

Auch wenn die Ritter Allianzen mit dieser oder jener Rasse eingehen, handelt es sich dabei nur um Zweckbündnisse mit beidseitigem Nutzen, ohne ihre Bündnispartner als gleichwertige Wesen anzusehen. Egal ob es um lukrativen Handel oder eine Absicherung im Verteidigungsfall geht – jedes Bündnis erfüllt einen übergeordneten Zweck für das Imperium.
Rosenstadt, Kreigheim & Thaumus
Rosenstadt ist die Hauptstadt des Imperiums und gleichzeitig Sitz der Deus-Kirche. Hier werden die verschiedenen Legionen der Ritter rekrutiert, ausgebildet und auf das Imperium eingeschworen, bevor sie auf Eroberungsfeldzüge entsandt werden, um den unersättlichen Expansionsdrang des Reiches zu stillen.
Die gemeinen Bürger Rosenstadts sind recht wohlhabend und interessieren sich in der Regel nicht für die Geschehnisse außerhalb der Stadtmauern. Sie vertreten die Ansicht, dass sie im schillernden Zentrum von Fortschritt, Kultur und Menschlichkeit leben. Dabei ist ihnen nicht bewusst, dass mittellose Bauern auf den Feldern Schwerstarbeit leisten, um den Lebensstandard der Stadt aufrecht zu erhalten. Zu ihrer Verteidigung muss jedoch erwähnt werden, dass sie natürlich unter dem Einfluss der Stadtschreier stehen, die in nahezu jeder Straßenecke die Glanztaten des Imperiums lobpreisen und zu Feierlichkeiten zu Ehren ihres Herrschers laden (die beliebteste Veranstaltung ist die „Nacht der Familienfreude und Öffentlichen Hinrichtungen zu Ehren des Imperators Schade“, die jeden Freitag zelebriert wird).

Die nächste größere Stadt in der Umgebung ist Kreigheim, Standort der Kriegsakademie. Hier treffen die besten Wissenschaftler des Reiches zum Wohle des technologischen Fortschritts zusammen. Mit anderen Worten: Sie tüfteln neue Möglichkeiten aus, um noch effizienter zu töten. Den wissenschaftlichen Errungenschaften der Akademie ist es zu verdanken, dass die Ritter auf dem Schlachtfeld von modernsten Waffen und Rüstungen Gebrauch machen können. Es ist bekannt, dass zwischen der Akademie und den Zwergen der Hulestiathah-Berge gelegentlich ein reger Gedankenaustausch stattfindet, worüber im Imperium jedoch nicht gerne geredet wird.
Im Norden liegt die Stadt Thaumus, die die Universität der Thaumaturgie beherbergt. Sie ist Treffpunkt verschiedenster Ärzte, Forscher und Studenten der okkulten Künste, die dort den arkanen Wissensschatz des Reiches vergrößern wollen. Mit anderen Worten: Sie tüfteln neue magische Praktiken aus, um noch effizienter zu töten. Auch wenn Magie im Imperium scheinbar einen schweren Stand hat (die Deus-Kirche lehnt sie offiziell ab), drückt man nur allzu gerne ein Auge zu, wenn es darum geht, mit ihrer Hilfe Macht und Einfluss auf dem Kontinent zu vergrößern.
Die Deus-Kirche
Niemand kann mit Sicherheit sagen, wo dieser Deus eigentlich herkam. Einige Rassen behaupten, die Menschen hätten ihn einfach nur erfunden. Andere wiederum glauben, dass es sich um eine neue Gottheit handelt, die aufgrund der großen Anhängerschaft unter den Menschen immer mächtiger wird. Eins steht jedenfalls fest: Viele Ritter sind gewillt, in seinem Namen zu töten.
Zudem kursieren Gerüchte, wonach die Priester dieser neuen Gottheit ebenfalls an Macht gewinnen. Bei den Heiligen Rittern des Imperiums handelt es sich um eine legendäre Einheit, die von ihren Gegnern gefürchtet wird. Man sagt, dass der Segen der Deus-Priester und die inbrünstige Leidenschaft der Heiligen Ritter zu einem unerschütterlichen Glauben und Kampfeseifer führen, die sich auf dem Schlachtfeld rasend schnell auf die Truppen des Imperiums übertragen. Schwer zu sagen, ob es sich hierbei um die Wahrheit oder lediglich um eine weitere Schlachtenlegende handelt, aber viele Veteranen schwören, dass sie Zeuge davon wurden.
Lordmarschall Farwat stand am Kartentisch seines Kriegszimmers. Angestrengt starrte er auf die große Karte Farrenhalls und die kleinen Holzfiguren, die unterschiedliche Einheiten symbolisierten. Er runzelte die Stirn, denn die Dinge standen nicht gut. Sollte Rosenstadt nicht bald Verstärkung schicken, würde das Königreich den Mächten des Bösen in die Hände fallen.
Er drehte sich um, als sich die Tür zu dem großen Zimmer öffnete. Lord Corad, herausgeputzt mit einem strahlenden Plattenpanzer und einem imposanten Militärumhang, trat an den Tisch.
„Was gibt es Neues, Corad?“, fragte Farwat. „Wo bleibt Sir Justar mit seiner Verstärkung?“
Corad räusperte sich. Er nahm eine der Holzfiguren und setzte sie in die Mitte von Amazonien.
„Was?“, fragte Farwat ungläubig.
„Mein Herr, scheinbar hat Justar seine Truppen um die Hulestiathah-Berge und die Rote Wüste nach Amazonien umgelenkt.“
„Lasst eine Nachricht überbringen. Er soll seine Truppen sofort nach Farrenhall schicken!“
„Das haben wir getan, mein Herr. Leider sieht es so aus, als hätten sich Justar und seine Männer den Amazonen ergeben.“
„Den Amazonen ergeben?!“, platzte es aus Farwat heraus. „Aber zwischen uns und den Amazonen herrscht doch nicht einmal Krieg!“
„In der Tat“, erwiderte Corad. „Genau das macht die Sache so schwierig. Die Königin der Amazonen hat sehr diplomatisch auf diese merkwürdige Situation reagiert und die Truppen nicht gefangen nehmen lassen. Aber langsam reißt ihr der Geduldsfaden, weil sich die Anwesenheit so starker Truppenverbände negativ auf die Moral und Disziplin ihrer eigenen Streitkräfte auswirkt. Sie verlangt, dass wir etwas unternehmen.“
„Was ist nur mit Justar los? Dieser verfluchte Mistkerl!“, schimpfte Farwat und ballte die Fäuste. „Moment, ich habe ihm doch letztes Jahr die Beförderung verweigert, oder?“
„So ist es, mein Herr.“
„Verdammt! Was sollen wir tun?“
„Macht Euch keine Sorgen“, sagte Corad und machte eine beschwichtigende Handbewegung. „Ich werde persönlich nach Amazonien aufbrechen und sowohl Justar als auch unsere Armee zurückholen.“
„Ihr seid ein ehrenwerter Mann, Corad.“
„Ja, nicht wahr?“
„Ihr beweist Mut“, fügte Farwat hinzu und klopfte ihm auf die Schulter. „Ein treuer Gefolgsmann.“ Dann schaute er an Corad vorbei und verfolgte das Geschehen hinter ihm. Ein ganzes Aufgebot an Trägern schleppte Gepäck, Möbelstücke und Corads persönliche Habseligkeiten durch den Gang.
„Sind das nicht Eure Träger, Corad?“
„Bitte? Oh, richtig“, antwortete Corad und ging zur Tür, die in den Gang führte. „Nun, ich muss los.“
„Seid Ihr sicher, dass Ihr all diese Dinge wirklich braucht? Ihr wollt doch nur Justar zurückholen und werdet nicht lange unterwegs sein.“
„Oh, natürlich, mein Herr!“, rief Corad, während er schon durch den Gang eilte. „Nicht einmal in meinen kühnsten Träumen würde ich es wagen, zu einer ganzen Nation hübscher Kriegerinnen überzulaufen!“ Sein schallendes Gelächter erfüllte den Gang und wurde immer leiser.
Farwat stand allein in seinem Kriegszimmer und starrte geistesabwesend auf den Kartentisch. Da fiel ihm ein, dass er auch Corad letztes Jahr seine Beförderung verweigert hatte.
„Dieser verfluchte Mistkerl!“